Interview mit Ole Marquardt von SUZLON Energy Ltd.

In der Branche der Windanlagenhersteller gibt es in Sachen Standort wenig Spielraum, denn eine steife Brise weht insbesondere an der Küste. Zu weiteren Herausforderungen der Energiebranche gibt uns Ole Marquardt, Personalleiter und Prokurist der SUZLON Energy Ltd., detailliert Auskunft. Aber auch private Einblicke dürfen in unserer Interview-Reihe „… ‘mal unter uns gesprochen“ nicht fehlen. Hier sind alle Antworten auf unsere Fragen:

In deiner bisherigen, beruflichen Laufbahn hast Du für verschiedene, namhafte Unternehmen gearbeitet. Neben Daimler, Airbus und der 7 (S) Gruppe bist Du mittlerweile seit gut sieben Jahren bei Suzlon Energy tätig. Welcher Job hatte die größten Herausforderungen für Dich parat?
Du hast die EWE Tel vergessen, das gehörte sicherlich zu den großen Herausforderungen, weil hier noch die Belastung durch das Pendeln dazu kam. Die größte Herausforderung für einen Personaler sind sicherlich Umstrukturierungen und Personalabbau und damit hatte ich nach Daimler und Airbus in jeder der genannten Firmen zu tun. Ich sage mir immer wieder: Wenn Kündigungen für mich nicht mehr schmerzhaft sind, sollte ich aufhören. Ich bin sehr froh, dass selbst Mitarbeiter, von denen wir uns trennen mussten, immer noch den Kontakt aufrecht halten.

Gab es Zeiten bei Dir, wo das abendliche Feierabendbier zum unumgänglichen Frustbier wurde und Du an dem gezweifelt hast, was Du gerade beruflich tust?
Na klar, Frustbier oder Frustbrause, ganz egal. Ich habe zum Glück nie den Versuch unternommen, meinen Frust in Alkohol zu ertränken. Aber es gibt schon einige Momente, in denen man zweifelt. Interessanterweise sind das aber auch die Momente in denen man wächst. Wenn man abends auf dem Sofa das Problem wie ein Glas Wein von außen betrachtet und wenn der Frust groß genug ist, der Leidensdruck hoch, dann entwickelt man endlich den Mut, etwas zu ändern. Und damit meine ich die Lösung des Problems, nicht die Flucht durch Kündigung.

Wenn Du mit dem heutigen Tage und dem angesammelten Wissen deiner bisherigen Lebensjahre im Gepäck beruflich nochmals starten könntest – wie würde Dein Weg aussehen?
Ich bin nicht sicher, ob er anders aussehen würde. Der Start wäre sicherlich genau so, da ist alles super gelaufen. Ich zweifle etwas, ob ich die schwierigen Stationen im zweiten Anlauf weglassen sollte, denn dort habe ich viel mehr gelernt als in den anderen Jahren. Die Frage ist mir schon 2-3 Mal gestellt worden, ich habe sie aber nie abschließend beantworten können. Vielleicht hätte ich jetzt eher den Mut für Veränderungen als früher.

Worin siehst Du in der heutigen Zeit die größte Herausforderung für junge Menschen, wenn es darum geht, sich beruflich zu orientieren?
Die Frage nach dem, was jemand eigentlich und höchstpersönlich will. Ich höre immer wieder die Frage, in welchem Job man gutes Geld verdienen kann oder ob sich eine Promotion positiv auf die Karriere auswirkt. Jeder sollte das tun, was ihm wirklich Freude macht, dann ist er auch gut in seiner Aufgabe. Und promovieren sollten nur die, die mal so richtig wissenschaftlich arbeiten wollen. Das hört sich simpel an, scheint aber bei Schülern und Absolventen immer noch ein großes Problem zu sein, weil man sich in jungen Jahren anscheinend viel mehr an Anderen orientiert als an sich selbst.

Haben sich die Anforderungen der Kandidaten in den letzten Jahren geändert? Welche Rolle spielen die Work-Life-Balance, Elternzeit, flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice in den Gesprächen mit Kandidaten?
Oh ja, Flexibilität spielt eine immer größere Rolle. Nun sind flexible Arbeitszeiten ja inzwischen Standard. Aber früher war die Frage nach Homeoffice z.B. noch ein „no go“, heute fragen die Bewerber standardmäßig nach der Anzahl der Homeoffice-Tage pro Woche. Und die Elternzeit ist nach der gesetzlichen Änderung vor allem bei den Vätern stark angestiegen. Ich glaube, dass eine Firma gut daran tut, Arbeitszeit und -ort zu flexibilisieren. Aber das hat Grenzen: Wenn vor lauter Flexibilität die berufliche Aufgabe zu kurz kommt, hat man nichts gewonnen. Es soll ja um die bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben gehen, nicht um die Dominanz der privaten Themen über die Arbeitsaufgabe.

Location, Location, Location – wie wählerisch sind potenzielle Mitarbeiter bezüglich der Attraktivität des Standortes und inwieweit muss manchmal mit Gehalt ausgeglichen werden?
Das geht einher mit der letzten Frage. Wer stärker auf die Balance zwischen Arbeit und Privatleben achtet, der ist in der Regel auch weniger bereit, den Ort zu wechseln. Das mit Gehalt ausgleichen zu wollen, wird nicht klappen. Der Frust über den falschen Arbeitsort kommt früher oder später wieder durch und dann habe ich neben einem frustrierten Mitarbeiter auch noch eine verbogene Gehaltsstruktur. Man kann ja mit der heutigen IT relativ ortsunabhängig arbeiten. Dem gelegentlichen Wunsch mancher Mitarbeiter, ein neues Büro in Ort X zu gründen, weil sie sich dort wohler fühlen, konnte und wollte ich aber bisher noch nicht entsprechen.

Die Branche der Windenergie ist noch nicht riesig und erfordert Spezialwissen und Fachkräfte. Wie grenzt man sich durch Employer Branding von der Konkurrenz ab?
Bei uns z.B. durch Flexibilität und Zusammenarbeit. Wir können nicht mit Top-Gehältern oder wahnsinnigen Sozialleistungen punkten, dazu sind wir in Europa zu klein. Unsere Mitarbeiter bestätigen uns aber immer wieder, dass wir sehr flexibel sind und dass sie die Zusammenarbeit und die Aufgaben bei uns klasse finden. Anders als in großen Firmen arbeiten sie bei uns am ganzen Produkt und nicht nur an Einzelteilen. Das versuchen wir an die Bewerber zu vermitteln.

Wo steht Deutschland aktuell in Sachen Windenergie? Sind wir führend oder gibt es Nachholbedarf im Vergleich mit anderen Ländern?
Führend in Bezug auf was ? Installierte Kapazität oder Deckungsquote ? Was die Kapazität angeht wurden weltweit im letzten Jahr die 500 GW überschritten. In Deutschland lagen wir Ende 2017 bei ca. 56 GW installierter Kapazität. Das ist nicht schlecht und bringt uns weltweit auf Platz 3 hinter China und USA. Aber wenn es um den Anteil der Windenergie am Energiebedarf geht, da liegen wir je nach Wind bei ca. 20%. Unsere Nachbarn in Dänemark sind schon fast bei 50%.

Wenn Du die Möglichkeit hättest, dem gesamtem deutschen Arbeitgebermarkt einen Tipp zu geben – wie würde der lauten?
Bleibt ehrlich mit dem Bewerber. Wenn der Kandidat am ersten Arbeitstag die Firma nicht mehr wiedererkennt, weil in der Bewerbungsphase alles ganz anders und viel schöner aussah, dann ist irgendetwas schief gelaufen. Zum Glück ist das bei den meisten Firmen heute so Standard.

Wie hat die Geburt Deiner Kinder Deinen Arbeitsalltag verändert?
Die Nutzung von sozialen Medien hat stark zugenommen … Es gab Gelegenheiten, wo ich aus Mumbai/Indien Physiknachhilfe per WhatsApp gegeben habe, die Lösungen der Übungsaufgaben sind dann wohl gleich in den Klassenchat weitergeleitet worden. Ich muss schon sehen, dass ich genug Zeit für die Familie übrig habe. Aber diese Balance gelingt mir verhältnismäßig gut. Natürlich muss ich viel arbeiten aber wenn ein besonderes Ereignis mit der Familie ansteht, Geburtstage, Klaviervorspiel, Hallenturniere, dann mache ich eher Schluss und bin bei der Familie. Das ist nicht nur wichtig, um immer mal wieder „rauszukommen“ sondern vor allem unheimlich schön.

Sommer, Sonne, Ferienzeit – wie sieht für Dich der perfekte Urlaub aus und was tust Du für Dich, um abschalten zu können?
Darauf bin ich ja eben schon eingegangen. Die Familie hilft mir beim Abschalten, das Treffen mit Freunden, ein Ausflug oder auch der Abend auf der Terrasse. Davon gab es in diesem Sommer auch viele – zum Glück.
Urlaub mache ich am liebsten mit der Familie und gerne dort wo es sonnig ist und wo es viel zu sehen gibt. Als die Kinder klein waren, sind wir meistens an die Ostsee gefahren, jetzt dürfen wir weiter weg: Nationalparks in den USA mit dem Mietwagen oder Karibik-Kreuzfahrt. Das sind tolle Erinnerungen, die wir gemeinsam mit den Kindern gesammelt haben. In einigen Jahren sind die Kinder aus dem Haus, da werden wir wieder alleine reisen - vielleicht Ostsee ?

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