Interview mit Nico Haase (selbstständiger Physiotherapeut / Sporttherapeut in Wildau)

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Er ist selbstständiger Physiotherapeut und hat eine eigene Praxis in Wildau. Sein Wunsch war es, immer selbstbestimmt arbeiten zu können. Jetzt hat er es, mit 25 Jahren, gewagt. Grund genug, dass wir ihn in unsere Interviewreihe geholt haben, denn eines mögen wir ganz besonders - mutige Menschen!

1. Fangen wir mit einem aktuellen Thema an. Wie hat sich das Pandemiegeschehen auf deine tägliche Arbeit ausgewirkt? Als Physiotherapeut bist Du auf den direkten Kontakt mit Menschen angewiesen. Bedeutete der Lockdown somit für Dich auch eine leere Praxis ohne Patienten?

Als der erste Lockdown kam, wurde es natürlich erst einmal ruhiger und es gab viele Absagen, welche auch verständlich waren, vor allem bei der älteren Bevölkerung. Diese Phase ging allerdings schnell vorbei. Sobald sich viele mit der neuen Situation arrangiert hatten, füllte sich auch wieder die Praxis. Nach einem Monat ging alles wieder seinen gewohnten Lauf.

2. Wir haben uns bewusst für Dich als neuen Interviewpartner entschieden, weil wir es prima finden, wenn Menschen sich auf den Weg in die Selbstständigkeit machen und einen klaren Plan verfolgen, wie ihre berufliche Karriere auszusehen hat. Was war der Impuls, dass Du Dich dazu entschieden hast, selbstständig zu werden und Dein eigenes Unternehmen bzw. Deine eigene Praxis zu gründen?

Ich war schon immer sehr eigenständig und habe Dinge auf meine Art geregelt. Ich bin unzufrieden, wenn ich nicht voll entscheiden darf oder abhängig von anderen bin. Ich erledige vieles lieber selbst, wenn ich der Überzeugung bin, der Beste für die Aufgabe zu sein. Die Arbeit als Angestellter in einer Praxis oder einer Klinik hat mich nicht zufrieden gestellt und ich will meine Zeit bis zum Alter nicht einfach nur absitzen und in den Träumen von anderen arbeiten. Ich möchte meinen eigenen Traum erfüllen, mein Konzept, meine Arbeitsweise und vor allem meine Philosophie leben und verbreiten. Es gab keinen bestimmten Zeitpunkt. Es stand für mich schon seit meiner Ausbildung fest.

3. Gab es auch Momente, in denen Du daran gezweifelt hast, den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen oder warst Du im kompletten Findungsprozess durchweg stabil in Gedanken und Visionen?

Ich habe gezweifelt und das nicht nur einmal. Es gibt immer Stimmen, welche einem sagen, dass es zu früh ist. Dass ich zu jung, zu unerfahren, zu undiszipliniert oder sonst was sei. Wenn zu diesem Zeitpunkt dann auch noch Probleme aufkommen, der Stress kaum noch zu handhaben ist und keine einfache Lösung vorliegt, dann habe ich gezweifelt. Jedoch habe ich das Glück eine wundervolle Familie und großartige Freunde zu haben, welche mich immer unterstützen und mir zu jeder Zeit zur Seite stehen. Ein Ego, welches keine Niederlagen hinnehmen will, hilft dabei zusätzlich.

4. Glaubst Du, dass Du Dich von anderen Physiotherapeuten/innen in Deinem Behandlungsansatz unterscheidest, sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal besitzt? Falls ja, wie schaut das inhaltlich aus?

Definitiv, ja! Ich arbeite evidenzbasiert und patientenorientiert. Auch wenn dieser Behandlungsansatz in Deutschland immer mehr Anklang findet, wird es noch zu selten umgesetzt. Es gibt kein spezielles USP, sondern es ist die Kombi aus allem. Meine Art, mein Weg zu denken, meine Philosophie, mein Einsatz für die Patienten (mich weiterzubilden und aktuell zu bleiben, individuelle Wünsche zu respektieren oder zu recherchieren) und natürlich das Miteinander. Der Mensch heilt sich meist selbst, ich zeige nur, wie wir es zusammen am besten schaffen.

5. Wir, als Personalberater, haben tagtäglich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Menschen und Charaktere zu tun. Genau das ist auch einer der wesentlichen Gründe, warum wir unseren Job so gerne machen. Was bedeutet für Dich Arbeit und berufliche Zufriedenheit?

Menschen zu helfen ist ein riesiger Motivator und macht mich bei Erfolg glücklicher als vieles andere. Wenn ein Sportler wieder seiner Liebe zur Sportart nachgehen kann und viel dieser Lebensqualität wiederkehrt, dann ist das mit einer der besten Momente und die Dankbarkeit und das Vertrauen der Athleten ist unbezahlbar. Ich muss aber auch meine Arbeitsweise leben können, nach meinen Prinzipien handeln und natürlich auch wirtschaftlich erfolgreich sein, dann bin ich beruflich zufrieden. Die Arbeit ist der Weg zu dieser Zufriedenheit und sollte einen die meiste Zeit glücklich machen. Anders wäre es für mich eine große Zeitverschwendung.

6. Wenn man einen genauen Blick auf die Jugend unseres Landes wirft, so erkennt man deutlich, dass sich Präferenzen, Werte und auch Ziele gegenüber den vorherigen Generationen doch schon deutlich verändert haben. Das gilt auch für das sportliche Engagement vieler Jugendlicher. Vermutest Du, dass die Digitalisierung und der Umstand, dass sich heutzutage vieles virtuell abspielt, ein Hindernis für die sportliche Ertüchtigung ist?

Es wird definitiv einen Einfluss auf die sportliche Aktivität haben, jedoch ist es schwer, dies zu pauschalisieren. Es hängt davon ab, wie den Kindern der Konsum digitaler Medien beigebracht wird. Ein hoher Konsum kostet Zeit und fördert Inaktivität, ein bedachter Konsum könnte zur sportlichen Entwicklung beitragen. Durch den leichten Zugriff auf Informationen, ist es auch leichter zu lernen. Dies gilt auch für den Sport. Durch Videos auf diversen Plattformen sehen wir Trainingsvideos, Tutorials und vieles mehr. Kinder und Jugendliche werden inspiriert und können Fähigkeiten lernen, sich austauschen und miteinander vergleichen. Ich bin der Meinung, dass Digitalisierung für den Sport eine Bereicherung darstellt und neue Möglichkeiten auf den Zugriff zu sportartspezifischem Wissen geschaffen wird, wenn es gezielt und bedacht konsumiert wird.

7. Auch im Berufsleben spielt sich immer mehr Aktivität vor den Rechnern und an Schreibtischen ab. Viele Menschen klagen deshalb über körperliche Probleme, oftmals im Rücken oder Nackenbereich. Was rätst Du Ihnen, wenn sie Hilfe bei Dir suchen?

Patienten, welche aufgrund von unspezifischen Rückenschmerzen zu mir kommen, befrage ich zuerst nach Psyche, Stress, Aktivitätslevel und vielem mehr. Der Mensch kann viel kompensieren, doch wenn einem die Kompensationsmechanismen ausgehen aufgrund von z.B. körperlicher Inaktivität und daraus folgender schlechterer Gewebsernährung und Abbau von Muskulatur, dann entstehen mitunter Pathologien wie Rückenschmerzen. Mehr Aktivität, wie kleine Pausen mit ein paar Übungen, sorgt für eine bessere Versorgung des Körpers und Entlastung für stark beanspruchte Regionen sowie zielgerichteter Belastung für unterversorgte Bereiche. Mit 2-3 Einheiten á 20-30 min in der Woche Sport, sorgt man für einen gesünderen Körper und in den meisten Fällen Beschwerdefreiheit.

8. Wir haben gerade in der letzten Zeit verstärkt zu hören bekommen, dass depressive Erkrankungen, im Zuge der Pandemie, noch deutlicher zugenommen haben, als es vor Corona so oder so schon der Fall gewesen ist. Mittlerweile soll jede zweite Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aufgrund psychischer Erkrankungen ausgestellt werden. Gibt es, aus Deiner Sicht heraus, Zusammenhänge zwischen z.B. Rückenerkrankungen und Depressionen? Und welche Rolle kann der Job bei Depressionen spielen?

Die Korrelation zwischen diesen beiden Erkrankungen besteht sehr wahrscheinlich bei einigen Menschen. Man muss dies allerdings sehr differenziert betrachten und immer individuell beurteilen. Die Frage ist, ob die Depression die Rückenerkrankung bedingt oder umgekehrt. Eine, durch die Depression, verminderte körperliche Betätigung kann zu Rückenproblemen führen, jedoch fehlt uns momentan noch eine valide standardisierte Methode, um eindeutig die Korrelation beider Erkrankungen für einzelne Individuen zu beweisen (Pinheiro et al. 2015). Je nach Kausalität richtet sich die Therapie. Ein möglicher Ansatz für die Therapie von Depression ist Training (Sim et al. 2016, Ormel et al. 2019), welches in Falle einer Komorbidität von beiden Erkrankungen, mit therapeutischer Unterstützung, helfen könnte.

Da Depressionen multifaktorielle Ursachen haben können, ist der Job selbstverständlich eine davon. Zu viel Stress, zu wenig Geld, lange Arbeitszeiten, schlechtes Arbeitsumfeld und vieles mehr, tragen dazu bei. Es gibt aber auch Menschen, welche all dies nicht erfahren und trotzdem erkranken. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich aber behaupten, dass der Job einen hohen Grad unserer Zufriedenheit und geistigen Gesundheit ausmacht, manchmal kompensiert dieser auch unsere privaten Stressoren.

9. Was können Unternehmen tun, damit Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen leistungsfähig bleiben? Siehst Du die Arbeitgeber hier in der Pflicht oder sind wir in Deutschland diesbezüglich gut aufgestellt?

Sowohl Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind in der Pflicht etwas für die Gesundheit zu tun. Es gab in den letzten Jahren viele Fortschritte was betriebliche Gesundheitsförderung angeht. Viele, vor allem größere Unternehmen, kümmern sich um Sporteinheiten in den Pausen oder angenehmere Arbeitszeit- und Arbeitsplatzgestaltung. Angestellte arbeiten effektiver und sind weniger krank, was sich wirtschaftlich für die Betriebe lohnt. Der Arbeitnehmer muss allerdings diese Angebote auch wahrnehmen und sich natürlich in seiner Freizeit zusätzlich sportlich betätigen, um im eigenen Interesse einen gesunden und leistungsfähigen Körper und Geist zu besitzen.

10. Eine letzte Frage an Dich: Was tut ein junger, beruflich aktiver und erfolgreicher Mann, wie Du, um vom Arbeitsalltag und dem Job abschalten zu können?

Ich bin sehr gerne in der Natur, am liebsten mit Hund, oder koche, was ich äußerst entspannend finde. Wenn ich energetisch mal sehr am Ende bin dann setzte ich mich abends auch gerne vor die PlayStation und spiele mit Freunden zusammen, um komplett abzuschalten. Wenn aber noch Energie über ist, trainiere ich sehr gerne mit meinem Bruder oder meiner Freundin zusammen.

Lieber Nico,

danke Dir für die Zeit als Interviewpartner. Wir wünschen Dir und Deiner Physiotherapiepraxis in Wildau, maximalen Erfolg und eine ordentliche Portion berufliche Zufriedenheit.

 Link zu Website von Physiotherapeut Nico Haase:

 

https://www.physio-nicohaase.de/

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