Interview mit Björn Ihlenfeld (Prokurist & Director Chartering Oldendorff Carriers / verheiratet, 2 Kinder)

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Die Weiten des Meeres und die Schifffahrt sind seine Welt! Mit Björn Ihlenfeld haben wir einen der Direktoren der Befrachtung einer der größten Reedereien der Welt im Interview. Die Oldendorff Carriers GmbH & Co.KG ist sein Arbeitgeber für den er, seit vielen Jahren, voller Leidenschaft aktiv ist. Der 47-jährige Vater von zwei Töchtern gibt uns spannende Einblicke in seine Gedanken rund um die Themen Job, Werte und Digitalisierung.

 

1. Starten wir mit etwas Aktuellem: Covid-19 sorgt für ein verändertes Arbeitsleben, eine veränderte Arbeitswelt. Du bist als Director Chartering bei einer der weltweit führenden Massengut-Reedereien tätig. Wie hat sich Eure tägliche Arbeit in den vergangenen Monaten verändert?

Wir haben als Unternehmen sehr früh und mit dem Fokus auf die Gesundheit der Mitarbeiter überlegt, wie wir den Umständen der Pandemie bestmöglich entgegentreten können. Zum einen war uns wichtig die Mitarbeiter – hier ganz besonders die Gruppe der Älteren und der Risikopatienten – zu schützen, aber zum anderen auch wie wir unseren weltweiten Geschäftsbetrieb mit hunderten von Schiffen und vielen Auslandsbüros verlässlich aufrechterhalten konnten. Nach Aufteilung der Belegschaft in A & B Gruppen und einigen Tagen Probebetrieb sind wir sehr schnell, nahezu komplett, ins Homeoffice gewechselt. Nur vereinzelte Mitarbeiter waren zunächst noch in den Büros, die den abrupten Übergang arbeitstechnisch nicht bewerkstelligen konnten. Viele unserer Auslandsbüros wurden sofort, natürlich auch durch Anordnungen der lokalen Behörden, komplett geschlossen. Das Arbeiten von zu Hause war lange vor der Pandemie ein Gesprächsthema bei den regelmäßigen Abteilungsleitersitzungen und wir waren als Unternehmen nicht sehr davon überzeugt, dies zur Regel zu machen. Nun wurde es uns – wie vielen anderen Firmen auch – sozusagen aufgezwungen und es funktioniert generell sehr gut. Unsere generell hohe Mitarbeitermotivation und das immer schon geforderte sowie geförderte selbstständige und selbstbestimmte Arbeiten nach dem „bottom – up“ – Prinzip hat uns hier sehr geholfen. Natürlich sind wir alle nach und nach – wo nicht schon vorhanden – mit der notwendigen Hardware ausgerüstet worden und halten via Mail, Telefon und ganz besonders Videoschalten engen Kontakt zueinander und den Kunden. Mit fortlaufender Dauer der Pandemie und des erneuten Gangs ins Homeoffice war auch klar, dass wir regelmäßig und engmaschig das Kollegium „screenen“, um den schleichenden Burnout rechtzeitig zu erkennen und die evtl. betroffenen Mitarbeiter zu betreuen, zu entlasten oder sogar, wenn nötig, in eine Arbeitspause zu schicken. Die Anzahl derer, die sich klar für eine schnellstmögliche Rückkehr ins Büro ausspricht, ist um ein Vielfaches höher als derer, die das Homeoffice präferieren.

2. So schwer die Pandemie für uns alle auch sein mag, sie hat jedoch das allgemeine Verständnis für dezentrales Arbeiten in ein völlig anderes Licht gerückt und kann durchaus auch als Treiber für die voranschreitende Digitalisierung genannt werden. Teilst Du unsere Meinung? Wie digital seid Ihr bei Oldendorff aufgestellt?

Durchaus hat die Pandemie den weiteren Weg in die Digitalisierung beschleunigt und in vielen Unternehmen war dies auch zwangsläufig gefordert, um den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Unsere IT-Spezialisten haben in den letzten Monaten viel daran gearbeitet, um Schwachstellen in unseren IT Prozessen zu erkennen. Als Konsequenz haben wir ein recht umfangreiches Konzept der digitalen Neugestaltung erarbeitet und 2021 wird in vielen Abteilungen ein Jahr der einschneidenden Weichenstellung bzw. Veränderung, um uns digital auf ein komplett neues Level zu heben.

3. Uns alle beschäftigen Themen wie: Big Data, E-Mobilität, Green Tec & Co. Wie siehst Du persönlich die Entwicklung unserer Gesellschaft sowie die Entwicklung der Arbeit an sich? Was gefällt Dir an den Dingen der Neuzeit und wo würdest Du gerne etwas auf die Innovationsbremse treten, wenn Du könntest?

E-Mobility bedeutet in meinen Augen Fluch und Segen zugleich. Zum einen ist es heutzutage um ein vielfaches einfacher, gewisse Dinge schnell und unkompliziert zu erledigen und die Produktivität immens zu steigern. Hier kann es jedoch sehr schnell passieren, dass die Kapazitäten eines Unternehmens oder der Mitarbeiter aufgrund des evtl. exponentiellen Wachstums gesprengt werden. Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung aber auch sagen, dass die persönliche Ansprache und das Miteinander mit den Kollegen und der Geschäftspartner durch kein Telefon, Tablet oder durch Multimediapräsentationen ersetzt werden kann. Empathie und Ansprache dürfen und können meines Erachtens nicht gänzlich durch Bits und Big Data ersetzt werden. Wo möglich und förderlich würde ich eher auf Konsolidierung und Optimierung, denn auf den so verlockenden Quantensprung zum Wachstum setzen.

4. Wenn Du dir Deinen Job einmal direkt vor Augen hältst – glaubst Du, dass es diesen in der aktuellen Form auch noch in zehn Jahren so geben wird? Was vermutest Du, wird sich in Eurer Branche im kommenden Jahrezehnt alles verändern?

Viel - ich hoffe jedoch sehr, dass mein Beruf auch in 10 Jahren noch einiges von der Tradition hat, wie sie in hunderten Jahren der Seefahrt entstanden ist. Aber natürlich spüren wir überall die fortschreitende Digitalisierung und den immer größeren Bedarf an Datentransfer, ständiger Erreichbarkeit sowie Transparenz und Compliance. Die landseitige, technische Überwachung des Schiffsbetriebs hat in den letzten Jahren sehr viel dazugewonnen und man arbeitet intensiv an dem „autonomen Schiff“ – ähnlich wie in der Automobilbranche. In meinem Tätigkeitsschwerpunkt, der Befrachtung, gibt es seit einigen Jahren die Bemühungen, den Verkauf der Seetransportleistung via Online-Auktions-Plattformen zu etablieren. Dies hat sich, zu meiner Freude, und bei allem Verständnis für Veränderung, bisher nicht durchsetzen können. Aus vielerlei Gründen kann und will ich unseren Kunden nicht raten, die von ihnen benötigte Schiffsfracht schlichtweg „Ebay-like“ zu erwerben und nur das billigste Angebot aus einer Online-Plattform zu akzeptieren. Man ist gut damit beraten, sich ein maßgeschneidertes Angebot eines Experten zu besorgen – der Wert der Ladung in den Laderäumen eines Schiffes beträgt sehr oft „Zig-Millionen“. Da ist es für mich unverständlich, wie es an den letzten 10 – 20 Cents überhaupt scheitern kann. Günstigste Frachtraten einzukaufen, ohne den Qualitätsanspruch oder die Leistungsfähigkeit des Dienstleisters zu kennen und in den entscheidenden Phasen des Frachtgeschäfts oder eines Unfalls eventuell alleine gelassen zu werden, passt nicht zusammen. Diese Art der Transaktionen funktionieren z.B. gut mit Einzelhandelsprodukten aber nicht mit komplexen Transportleistungen.

5. Die vergangenen Generationen sind im Elternhaus, als auch im Job, oftmals sehr werteorientiert erzogen worden. Welche Werte haben Dein Leben am meisten geprägt? Für welche stehst Du heutzutage ganz besonders ein und warum?

Ohne die guten Eigenschaften zu sehr zu strapazieren, aber ich würde mich als zuverlässig, aufgeschlossen, pflichtbewusst, ehrlich, umsichtig und sehr fleißig bezeichnen. In einer Gesellschaft, die sich zunehmend hinter Whats App oder E-Mails versteckt und die Anonymität des WWW sucht, ist es umso wichtiger, die traditionellen Werte zu bewahren, denn das hat unsere Gesellschaft in schwachen Momenten immer gestärkt und aus dem Unheil geführt. Ohne Verantwortung für das eigene Handeln oder auch das seiner Mitarbeiter übernehmen zu wollen, werden wir in der Geschäftswelt langfristig nicht bestehen können. Das Leben bedeutet eben nicht nur einen Click auf „Sofort Kaufen“ zu tätigen, um Resultate zu erzielen sondern vielmehr geht es darum, nachhaltig und verantwortungsbewusst mit dem Erbe der Nachkriegszeit umzugehen und es für viele folgende Generationen zu erhalten.

6. Du bist Vater von zwei Töchtern, die sich gerade auf den Weg gemacht haben, die Welt für sich zu entdecken und in der Schule Fuß zu fassen bzw. sich zu entwickeln. Wie betrachtest Du das Thema Bildung heutzutage? Ist sie noch zeitgemäß oder benötigen wir, explizit in Deutschland, eine dringende Frischzellen-Kur?

Da unsere Mädchen noch in die gemütliche Grundschule gehen, ist das Thema eines eventuellen Bildungsdefizits noch nicht außerordentlich präsent oder ausgeprägt. Jedoch ist es offensichtlich, nicht zuletzt durch die aktuellen internationalen Vergleiche und die Erfahrungen aus dem Lockdown im Frühjahr, dass unser Schulsystem in einigen Bereichen in der Tat hinterherhängt. Eine zeitnahe Revision und Reform scheint notwendig, um nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren. Ich tue mich sehr schwer damit zu akzeptieren, dass Eltern häufig Unterrichtsausfälle kompensieren müssen, weil die Struktur im Spitz-auf-Knopf Modus hängt. Außerdem ist in meinen Augen eine Verbesserung der nachschulischen Betreuung dringend notwendig – Thema Hausaufgabenbetreuung statt reiner Spielbetreuung.

7. Wenn Deine Töchter Dich eines Tages fragen werden, was sie beruflich machen sollen – was ist es, was Du ihnen raten würdest?

Für Berufswünsche der Mädels ist es vielleicht noch ein wenig früh. Meine Frau und ich wünschen uns sehr, dass unsere Töchter die Werte, die sie von uns als Eltern mitbekommen, für Ihre Entwicklung richtig einsetzen können. Jeder Mensch hat seine Stärken, die er zielgerichtet in einem bestimmten Beruf einsetzen kann. Am Ende würde ich mich sehr freuen, wenn sie mit Ihrer Berufswahl ins Schwarze treffen und ihrer Tätigkeit viel mehr abgewinnen können, als nur monetäre Befriedigung. Hoffentlich werden die Beiden glückliche Frauen, die eigenverantwortlich und mit Chancengleichheit versehen, ihren beruflichen sowie familiären Werdegang bestimmen können – das ist für mich sehr wichtig.

8. Als Prokurist & Director stehst Du bei Deinem Arbeitgeber, der Oldendorff Carriers, in einer großen Verantwortung. Welche Bedeutung hat für Dich, in diesem Zusammenhang, das Thema Führung und was glaubst Du ist notwendig, um eine gute Führungskraft zu sein?

Wie ich schon eingangs erwähnt habe, befürworten wir sehr stark das „bottom up“ Prinzip, welches schon unsere Auszubildenden dazu ermutigen soll, selbstständig zu denken und weitestgehend selbstbestimmt zu arbeiten. Wir pressen unsere Mitarbeiter nicht in ein vorgefertigtes Zwangskorsett, sondern fördern die individuellen Stärken und die Kreativität, um diese ergebnisorientiert zu nutzen. Insofern sehe ich mich auch als Motivator und Initiator, um die einzelnen Protagonisten in eine starke Teamstruktur einzubinden, die der Leistungserwartung gerecht wird und die gesetzten Ziele erreichen kann und wird.

Ein hohes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen ist notwendig, um das Vertrauen der Mitarbeiter zu gewinnen und ihnen auch in Zeiten, in denen es halt mal nicht so läuft, nicht sofort das Vertrauen zu entziehen. Außerdem versuche ich stets meinen Mitarbeitern ein gutes Vorbild an Leistungsbereitschaft und Professionalität zu sein.

Wenn auch der Leistungsanspruch bei uns sehr hoch angesetzt ist, darf der Spaß nie zu kurz kommen und das schätzen die Mitarbeiter sehr. Stimmung gut = Arbeit gut, ist für mich ein wichtiges Tool das Team zu motivieren, an ihre Grenzen zu gehen. Trotz der Einschränkungen, die die Pandemie mit sich gebracht hat und Einbrüchen bei den Frachtvolumen im 2. Quartal, werden wir dieses Jahr mit einem sehr guten Betriebsergebnis, vor dem 100-jährigen Jubiläum in 2021, abschließen. Darauf sind wir alle sehr stolz und es zeigt, dass unser Konzept einer modern geführten Reederei, mit flachen Führungsstrukturen, auch in schwierigen Zeiten Erfolg hat.

9. Meinst Du, dass Führung / Leadership sich in den nächsten Generationen verändern wird und falls ja, wie?

Die Corona-Pandemie wird sich mit fortlaufender Dauer ganz sicher nachhaltig auf die wirtschaftliche und soziale Landschaft insgesamt auswirken. Insofern bin ich überzeugt davon, dass die nachfolgenden Generationen von einem neuen Typus Manager geführt werden wollen bzw. müssen. Dezentrales Arbeiten oder dauerhaftes Homeoffice, gesellschaftliche und politische Veränderungen und voranschreitende Digitalisierung werden sich ganz stark auf die Führung auswirken.

10. Zu guter Letzt ein Blick auf das Thema „Work-Life-Balance“. Was tust Du, um den Kopf wieder freizubekommen und glaubst Du, dass Du dich in Balance befindest?

Meine Familie ist mein großer Rückhalt und wir verbringen sehr gerne Zeit miteinander und haben viel Spaß zusammen. Normalerweise bin ich viel beruflich unterwegs und ich genieße es daher, Zeit in unserem gemütlichen zu Hause zu verbringen und Arbeiten im/am Haus zu erledigen. Außerdem fahren wir, so oft es möglich ist, in unser Haus nach Schweden, wo wir zu jeder Jahreszeit Ruhe und Entspannung finden sowie verschiedenste Outdooraktivitäten unternehmen.

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